Sammlungsschwerpunkt: Osteuropa II
Tallinn, Riga und Moskau
Wechselseitige Impulse in den 1960er- und 1970er-Jahren
Das Ludwig Forum für Internationale Kunst beherbergt rund 1800 Malereien, Skulpturen und Grafiken aus der ehemaligen Sowjetunion sowie Mittel-, Ost- und Südosteuropa, die Irene und Peter Ludwig zwischen 1979 und 1996 gesammelt haben.
Obgleich Teile der „osteuropäischen“ Sammlung bereits mehrfach in Ausstellungs- und Publikationsprojekten präsentiert wurden, beschränkten sich diese meist auf die Kunst Russlands und die Bearbeitung bereits bekannter Werke und etablierter künstlerischer Positionen. Die Fortführung des Forschungsprojekts „Sammlungsschwerpunkt Osteuropa“ setzt bewusst einen Gegenakzent zu diesem bisherigen Fokus: Sie widmet sich insbesondere dem künstlerischen Schaffen und den Entwicklungen in bislang weniger erforschten Regionen und hinterfragt dabei sowohl die politische als auch die kunsthistorische Monopolstellung Russlands – damals wie heute – kritisch.
Ziel des Projekts ist es, ausgewählte Gruppen der ehemaligen Sowjetrepubliken in Bezug auf ihre künstlerischen Positionen und Werke entlang aktueller kunst- und kulturwissenschaftlicher Diskurse neu zu kontextualisieren und den westlichen Blick auf „osteuropäische Kunst“ kritisch zu reflektieren. Darüber hinaus werden das Verhältnis der offiziellen und inoffiziellen Kunstszene sowie der einzelnen Künstler*innen zur kulturellen Zentralmacht in Moskau untersucht und regionale Kontexte beleuchtet. Unscharfe Kategorisierungen, Terminologien und Kontextualisierungen – sei es geografisch, politisch oder kunsthistorisch – werden einer Revision unterzogen, um ein differenziertes Bild über Herkunft, Autor*innenschaft und Kontext der Werke zu gewinnen.
Nach der Erforschung eines Konvoluts von Werken, die in Verbindung mit der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik stehen („Sammlungsschwerpunkt: Osteuropa I“, 2024/25), richtet sich der zweite Teil des Vorhabens auf Werke der estnischen und lettischen Sowjetrepubliken. Im Mittelpunkt stehen die künstlerischen Beziehungen zwischen den baltischen Sowjetrepubliken und Moskau in den 1960er- und 1970er-Jahren. Untersucht werden Netzwerke, persönliche Kontakte und gemeinsame ästhetische Interessen, die sich häufig jenseits offizieller kulturpolitischer Strukturen entwickelten.
Besondere Aufmerksamkeit gilt surrealistischen Bildsprachen und dem westlichen Modernismus als wichtige Referenzen für Künstler*innen, die nach neuen Formen suchten, um ihre Gegenwart zu reflektieren und sich mit internationalen Entwicklungen zu verbinden. Ausgangspunkt des Projekts ist eine Notiz des Kunsttheoretikers Iossif Bakschtein aus dem Jahr 1992 über den estnischen Künstler Ülo Sooster und dessen Bedeutung für die Moskauer Kunstszene jener Zeit.
Das Forschungsvorhaben betrachtet die baltischen Sowjetrepubliken nicht nur als Vermittlungsräume westlicher Einflüsse, sondern als eigenständige Akteurinnen innerhalb eines vielschichtigen künstlerischen Austauschs. Es untersucht, wie Ideen, Bildsprachen und Impulse innerhalb des sowjetischen Raums zirkulierten und sich gegenseitig beeinflussten.
Damit trägt das Projekt dazu bei, die Kunstgeschichte „Osteuropas“ differenzierter und vielschichtiger zu denken – jenseits vereinfachender Hierarchien und monolithischer Narrationen. Es eröffnet neue Perspektiven auf bisher wenig beachtete künstlerische Räume und Positionen, hinterfragt etablierte Kanonisierungen und betont die Komplexität der kulturellen Austauschprozesse innerhalb der ehemaligen Sowjetunion.
Forschungsvolontärin
Kseniia Zakharova
Mentor
Holger Otten
Kontakt
Kseniia Zakharova
Tel. +49 0241 1807-124
kseniia.zakharova[at]mail.aachen.de
Das Forschungsvolontariat wird gefördert durch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen.
Credits: Ivan Semenovič Čujkov, Variation 11, 1978, Alkydemail auf Fotografie auf Hartfaser, 85 x 126,5 cm, UdSSR, RSFSR (jetzt Russland), Moskau, Sammlung Ludwig, Leihgabe Peter und Irene Ludwig Stiftung. Foto: Carl Brunn.