Die Sein: Para Psychics

Kerstin Brätsch, 24.09.2022 - 05.02.2023 (verlängert bis 26.02.2023)

Eröffnung: Fr 23.09.2022, 19 Uhr
Freier Eintritt am Eröffnungswochenende! 

Im Verlauf der letzten zwanzig Jahre hat die in Berlin und New York lebende Malerin Kerstin Brätsch eine unverwechselbare Arbeitsweise entwickelt, mit der sie das Medium Malerei über den Einbezug von Performances, künstlerischen Aktionen und Installationen stetig erweitert und immer wieder aufs Neue befragt und interpretiert. Neben der regelmäßigen Zusammenarbeit mit anderen Künstler*innen wie Adele Röder (DAS INSTITUT), Debo Eilers (KAYA) oder Ei & Tomoo Arakawa (UNITED BROTHERS) greift sie zusätzlich auch auf traditionelle, zum Teil in Vergessenheit geratene kunsthandwerkliche Verfahren zurück, um die metaphysischen und animistischen Qualitäten von Malerei auf humorvolle Weise freizulegen.

Para Psychics, ihre jüngste Serie, setzt diese Auseinandersetzung fort, wenn auch in abgewandelter Form. Während des ersten Corona Lockdowns in New York überführte Brätsch ihre raumgreifende und kollaborative Arbeitsweise in einen nach innen gerichteten Prozess des täglichen Zeichnens. Sie fertigte im Zeitraum von Januar 2020 bis März 2022 einhundert Mandala-ähnliche Zeichnungen an; in einer Zeit, in der sie sich intensiv mit Mystik, Tarot, Pflanzenmedizin und Gottheiten wie der sumerischen Himmelsgöttin Inanna beschäftigte. Die Sein: Para Psychics im Ludwig Forum Aachen präsentiert erstmals alle hundert Zeichnungen dieser Serie zusammen in einer ortsspezifischen Installation aus eingefärbten, den Lichteinfall manipulierenden Fensterscheiben und transparenten Raumstrukturen. Ihre Auseinandersetzung von Malerei im Verhältnis zum Körper, sei es zum sozialen, physischen oder psychischen, findet in den Zeichnungen als Reise in den mentalen Körper seine Fortschreibung. Verteilt über die Museumswände und Metallstrukturen erinnern die Zeichnungen an ausgelegte Weissagungen, die die Besucher*innen deuten und durchwandern können.

TAU (Resurrection) [TAU (Wiederauferstehung)]; “Flow directly implicates not one but several bodies” (Plasma state) [“Strömung bezieht direkt nicht einen, sondern mehrere Körper mit ein” (Plasmazustand)]; The Call [Der Ruf]; So as a Female Bird? (The High Priestess) [So wie ein weiblicher Vogel? (Die Hohepriesterin)]; Channeling [ Das Heraufbeschwören]; * Shapeshifter, Direct Action as a Means of Escaping Fate (Medea) [*Gestaltwandler, Direkte Handlung als Mittel dem Schicksal zu entgehen (Medea)]; Soulmate [ Seelenverwandte]; Pharmaceia (Christa’s Blutbild—Can’t Describe It More Closely) [ Pharmakeia (Christas Blutbild—Kann es nicht näher beschreiben)]; Blut (That Abrupt and Heavy Falling) [Blut (Das abrupte, schwere Fallen)]; Von Geistern geworfen; Transitioning (Please Leave a Message) [Übergang (Bitte hinterlassen Sie eine Nachricht)]; Time breaks down into many times [ Die Zeit unterteilt sich in viele Zeiten]; The Waiting Room [ Das Wartezimmer] … Die abstrakten Titel der Zeichnungen bestehen aus Zitaten von Aufsätzen und Publikationen, die die Künstlerin während der Arbeit an diesem Projekt gelesen hat, aus Titeln älterer Werke, aus Verweisen auf persönliche Erfahrungen, aus erfundenen Namen und eigenen Wortbildungen, aus Namen von Göttinnen oder aus Begriffen aus dem Handbuch des deutschen Aberglaubens. Im Ausstellungsraum werden diese poetischen Sprüche und Anrufungen auf eine Wand projiziert, zusammen mit einer von Wibke Tiarks komponierten Klangsphäre. Sie bilden einen Raum für Ruhe und Rehabilitation, für Ankunft und Aufbruch.

Der Titel der Serie geht zurück auf ältere Arbeiten von Brätsch, die so genannten Psychics (2005–2008), für die sie zahllose Wahrsager*innen in New York aufsuchte. Die Ergebnisse der Sitzungen bildeten schließlich den Ausgangspunkt für zahlreiche Ölmalereien – gemalte, provisorische Wahrheiten, die sich als Kippfigur zwischen Ironie und Authentizität bewegen. In Serien wie den Psychics, den darauffolgenden Unstable Talismanic Renderings (seit 2014), den Blocked Radiants (2011) oder den Fossil Psychics (Stucco Marmo) (seit 2017) war es jedoch die Materialität der Arbeiten selbst oder die mit ihr verbundenen Herstellungsverfahren, die Bezüge zu Fragen des Animismus in der Malerei eröffneten: Durch den Aufbau von Bildern aus Tropfen (Marmorierungen), durch wie Fossilien wirkende ‚versteinerte‘ Pinselstriche (Stuccos) oder durch die ständige Vervielfältigung der eigenen künstlerischen Identität unter Einbeziehung alter Handwerke und ihrer Meister*innen (oder im Fall der Psychics durch das Malen abstrakter Porträts nach tatsächlichen Sitzungen mit Hellseher*innen). Nach vielen Jahren der Zusammenarbeit mit Künstler*innen und Handwerker*innen kehrt Brätsch mit den Para Psychics diesen kollaborativen Impuls jedoch um. Die Mittel zur Erkundung von alternativen Sphären, Zeitlich und Persönlichkeiten generiert sie nicht durch das Einbeziehen anderer oder die Aneignung jahrhundertealter Verfahren, sondern (ausgelöst durch die eigene Lockdownbedingte Isolierung) durch / para die Vielfältigkeit ihrer selbst. Die Zeichnungen, gefertigt aus einfachsten, unmittelbar zugänglichen Materialien wie Buntstiften und Papier, stellen somit persönliche Verdichtungen des unfreiwilligen Innehaltens während der Pandemie dar. In ihrer formalen Bezugnahme auf weissagende Kartenlegungen öffnen sie jedoch auch einen ständigen Übergangsprozess des Wahrnehmens und Da Seins. Die Verwendung des weiblichen Pronomens „die“ im Ausstellungstitel („die sein“ statt „da sein“) verweist darüber hinaus auf die Veränderung, die die Zeichnungsserie in der künstlerischen Arbeitsweise von Brätsch darstellt: Sie betont ein personalisiertes, feminisiertes Dasein bzw. Diesein, bei dem die eigene Wandlungsfähigkeit, Komplexität und Vielfältigkeit an die Stelle der Kooperationen rückt.

Kuratiert von Eva Birkenstock
Projektassistenz: Lisa Oord

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Zur Ausstellung erscheint das Künstlerinnenbuch Para Psychics im Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König. Herausgegeben von Bettina Funcke, mit Beiträgen von Báyò Akómoláfé,
Eva Birkenstock, Kerstin Brätsch, CAConrad, Bettina Funcke, Donna
Haraway, Inanna, Lucretius, Kerstin Stakemeier, Zoe Stillpass, Merlin
Sheldrake und Michael Taussig
ISBN 978-3-7533-0297-3
60,- € / 50,- € Vorzugspreis im Museumsshop

 

Veranstaltungen:

Sa, 24.09., 11 Uhr, Ludwig Forum
Book launch und Dialogführung mit Kerstin Brätsch, Kerstin Stakemeier und Eva Birkenstock
Weitere Informationen

Do, 10.11., 19 Uhr, Leopold-Hoesch-Museum
Museumsdialog zur Ausstellung Kerstin Brätsch. Sein
Kerstin Brätsch im Gespräch mit Anja Dorn
Weitere Informationen

Do, 01.12., 18 Uhr, Ludwig Forum
Psychic Universe- Vortrag von Patrizia Dander
Weitere Informationen

Ludwig Forum Aachen
Jülicher Straße 97–109
52070 Aachen
Tel. +49 (0)241 1807-104
Fax +49 (0)241 1807-101
info[at]ludwigforum.de

Öffnungszeiten
Di-So 10-17 Uhr
Do 10-20 Uhr
Montag geschlossen

Bibliothek
Di-Fr 13-17 Uhr

Führungen und Workshops
+49 241 432 4998
museumsdienst[at]mail.aachen.de

Eintrittspreise

Regulär 6,00 €
Ermäßigt 3,00 €

Mehr Informationen

Veranstaltungen
Öffentliche Führung
08.12.2022
17:00 – 18:00
Taschenlampen­führung
Ein Museumsbesuch mit Licht, Schatten und Farbe
09.12.2022
17:00 – 18:00
Places to Peace
10.12.2022
10:00 – 15:00
Sonntagsmaler
Offene Kreativ-Werkstatt
11.12.2022
14:00 – 16:00